STRATEGISCHE FORSCHUNGSSCHWERPUNKTE

2015 verabschiedeten die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung. Mit ihr drückt die internationale Staatengemeinschaft ihre Überzeugung aus, dass sich die globalen Herausforderungen nur gemeinsam lösen lassen. Die Agenda 2030 mit 17 definierten Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) stellt eine Grundlage dafür dar, wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten – und dies weltweit („Leaving no one behind“).

Die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung kann nur gelingen, wenn nicht nur die Ziele für Nachhaltige Entwicklung betrachtet werden, sondern zugleich auch zentrale Dynamiken und Triebkräfte des globalen Wandels, der die herausfordernde Umgebung für eben diese strukturiert.

In der Bonner Allianz für Nachhaltigkeitsforschung sprechen wir von drei zentralen Treibern des globalen Wandels: (1) technologische Umbrüche, (2) veränderte Ordnungssysteme sowie (3) Leitbilder im Wandel.

Diese Triebkräfte nehmen auf sämtliche Prozesse der Nachhaltigkeit Einfluss. Sie verändern, beschleunigen, verlangsamen oder richten sie gar ganz neu aus. Deshalb wird die Forschung am Innovations-Campus Bonn (ICB) auf drei strategische Forschungsschwerpunkte ausgerichtet sein, die diese Triebkräfte berücksichtigt: (1) Digitalisierung und künstliche Intelligenz, (2) Mobilität und Migration, sowie (3) Bioökonomie.

Gleichzeitig haben die Foki der strategischen Forschungsschwerpunkte für den ICB  an vielen Stellen Überschneidungen und Synergiepotenzial.

Technologische Transformationen und damit D&KI betreffen Möglichkeiten der Mobilität und Vernetzung von Akteuren ebenso wie die Innovationsmöglichkeiten im Bereich der Bioökonomie. Veränderte Ordnungssysteme haben nicht nur einen Einfluss auf Mobilität und Migration, sondern auch auf Wirtschafssysteme, Arbeitsmärkte und Innovationskapazitäten. Leitbilder im Wandel treiben Lösungen wie zirkuläres und nachhaltiges Wirtschaften voran, lenken aber auch unser Denken zur Nutzung von D&KI/ ICT, zur internationalen Zusammenarbeit und bezüglich (internationaler) Verantwortung.

So komplex wie Fragestellungen in der Nachhaltigkeit sind auch die Verbindungs- und Zusammenarbeitsmöglichkeiten an den Schnittstellen der strategischen Forschungsschwerpunkte. Der Innovations-Campus Bonn (ICB) zielt durch diese fokussierte Themenwahl „mit offenen Rändern“ auf eine optimale inter- und transdisziplinäre Forschung ab.

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Technologische Umbrüche

1. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Die gegenwärtige wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen – in allen Bereichen der Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber auch in der industriellen Prozesstechnologie – schaffen Arbeitsmärkte, welche die internationale Arbeitsteilung, Sozialsysteme, Gesellschaften und Wissenssysteme ähnlich grundlegend verändern werden wie die technologischen Umbrüche zu Beginn der industriellen Revolution im Übergang zum 19. Jahrhundert.

Die Diskussionen, die rund um den Begriff „Industrie 4.0“ geführt werden, sind nur ein Auftakt dazu, diese weitreichenden Dynamiken angemessen zu verstehen und zu gestalten. Diese Innovationsschübe berühren alle Dimensionen der Agenda 2030 in einem fundamentalen Sinne. Die in der Agenda 2030 enthaltenen Ziele thematisieren dies jedoch kaum. Sie haben die Dynamik und die tiefgreifenden Veränderungsprozesse durch Digitalisierung und KI nicht antizipiert, sondern erwähnen nur zuweilen die Chancen von „Informations- und Kommunikationstechnologien“ und die Digitale Ungleichheit.

Auch die etablierte Nachhaltigkeitsforschung untersucht diese komplexe Thematik bisher nur am Rande oder gar nicht. Dabei sind die Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, KI und Nachhaltigkeit vor allem durch hohe Unsicherheiten, hohe Veränderungsgeschwindigkeiten, große Wissensdefizite und vielfältige Gestaltungsherausforderungen gekennzeichnet. Digitalisierung und KI werden in den kommenden Dekaden Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung sowie Gesellschaft, Politik, Ordnungssysteme und das Denken der Menschen sowie seine Arbeitswelt fundamental verändern.

Der strategische Forschungsschwerpunkt Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) ist darauf ausgelegt, sich mit Fragen der technologischen Umbrüche an der Schnittstelle zur Transformation zur Nachhaltigkeit zu betrachten.

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Veränderte Ordnungs­systeme

2. Mobilität und Migration

Die Gegenwartsgesellschaft zeichnet sich durch eine zunehmende Mobilität aus. Klassischen Faktoren wie Konflikte, ökonomische Triebkräfte, Katastrophen und in Zukunft vermutlich klimabedingte Umweltveränderungen stehen weiterhin im Vordergrund. Dazu kommt, dass das normale Berufsleben immer vielfältiger und mobilitätsintensiver wird. Wissenschaftlich-technische Fortschritte, welche die sozialen Ordnungen fundamental ändern und der Menschheit bezüglich ihrer geographischen und sozialen Mobilität grundlegend neue Möglichkeiten bieten, stellen diese Mobilität vor entscheidende neue Herausforderungen. So erlauben es z.B. neue Kommunikationstechnologien sehr unterschiedlichen Akteuren, sich transnational zu vernetzen und zu agieren.

Global vernetzte Kommunikation, transnationale Netzwerke, neue Akteurskonstellationen und tektonische Machtverschiebungen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Das Verhältnis zwischen transnational mobilen Akteuren (u.a. Investoren und Unternehmen, internationalen NGOs, Migrierende) und stationären Akteuren (wie Regierungen, vulnerablen Bevölkerungsgruppen) ist in Bewegung.

Es entstehen neue, hoch dynamische Beziehungen, die der Aufrechterhaltung manifester und bisher etablierter Grenzziehungen entgegenstehen. Sie erfordern neuartige Problemlösungen, Governance-Strukturen und -Prozesse. Die sich verändernden Ordnungssysteme und Vernetzungen schlagen sich in einem Spannungsfeld zwischen Beharrung, Auflösung und Neuaushandlung von Grenzen, Autoritäten, Souveränitäten und Verantwortlichkeiten nieder.

Diese vielfältigen Interaktionen zwischen diesen verschiedenen Dimensionen der Mobilität, sind bisher kaum Gegenstand der Nachhaltigkeitsforschung. Dabei sind die zentral für die Zusammenarbeit an einem so globalen Thema wie der Nachhaltigkeit. Mit einem Fokus auf „Mobilität und Migration“ soll der ICB diese Forschungslücke schließen.

Wie Transformationsallianzen und Strategien zur Umsetzung der Agenda 2030 gestaltet werden und was „transformative governance“ ausmachen könnte, sind ebenfalls zentrale Fragen, denen sich der ICB annimmt.

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Leitbilder im Wandel

3. Bioökonomie

Die Zukunft der Menschheit wird zum großen Teil von einem zuverlässigen und sicheren Zugang zu Nahrung und der nachhaltigen Nutzung von Energie, Wasser und Rohstoffen abhängen. Mit Blick auf den Klimawandel und sich verknappende Ressourcen spielen dabei erneuerbare Quellen und deren Basis eine zentrale Rolle.

Nicht nur Technologien und Governance-Strukturen befinden sich im Umbruch, sondern auch gesellschaftliche Leitbilder und Entwicklungsvorstellungen. Die Agenda 2030, die erstmals die Entwicklungsdefizite aller Länder – nicht nur der „Entwicklungsländer“ – anspricht, bietet dafür eine breite Diskussionsgrundlage. Ziel dieser Diskussion muss es sein, im Spannungsfeld der sozialen, ökologischen und ökonomischen Bedürfnisse innovative Lösungen zu finden.

Denn die Agenda 2030 sowie das Pariser Klimaabkommen zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen werden nur durch eine Überwindung der gegenwärtigen Ressourcennutzung erreichbar sein. Aus Bevölkerungswachstum, steigenden Ernährungsanforderungen und Umweltbelastungen ergeben sich zentrale Zielkonflikte der nachhaltigen Entwicklung um höhere Lebensstandards, begrenzte Anbauflächen mit zunehmender Bodendegradation, schrumpfenden Wasservorräten, Verlust der Biodiversität

Die Forschung dazu konzentriert sich am ICB vor allem auf den Forschungsschwerpunkt Bioökonomie, mit den Zielen nachhaltige Produktion und nachhaltiger Konsum in einer Welt von 9 bis 10 Milliarden Menschen. Zentrale Elemente sind dabei die Umstellung von einer fossile Rohstoffe und Ressourcen abbauenden Wirtschaft auf eine emissionsarme Kreislaufwirtschaft, die auf nachwachsenden Ressourcen, nachhaltig genutzten Ökosystemen mit Pflege der Biodiversität sowie biologischen Innovationen basiert.

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